Der interreligiöse Dialog bezeichnet den respektvollen Austausch zwischen Menschen unterschiedlicher Religionen. Dabei geht es darum, dass zum Beispiel Menschen verschiedener Religionen oder eines anderen Glaubens gemeinsam ins Gespräch kommen. Und zwar über ihre Religion, über Gemeinsamkeiten in der Spiritualität, aber auch über Unterschiede. Es geht darum, zuzuhören, aber auch eigene Standpunkte deutlich zu machen und die eigene Religion und den eigenen Glauben nicht aufzugeben oder zu relativieren.
Einen ähnlichen Austausch gibt es auch innerhalb der christlichen Kirchen. In diesem Fall sprechen wir aber von Ökumene. Diesen ökumenischen Austausch nehmen wir in Deutschland oft als Zusammenarbeit zwischen evangelischer und katholischer Kirche wahr. Den Dialog zwischen Christinnen und Christen sowie Jüdinnen und Juden bezeichnet man als christlich-jüdischen Dialog, weil Christen und Juden an den gleichen Gott glauben.
Inhaltsverzeichnis
1. Interreligiöser Dialog: Das Wichtigste in Kürze
2. Was versteht man unter interreligiösem Dialog?
3. Interreligiöser Dialog aus christlicher Perspektive
4. Interreligiöser Dialog zwischen Christentum und Islam
5. Dialog zwischen Christentum und Judentum
6. Interreligiöser Dialog im Alltag
7. Interreligiöser Dialog in Schule und Bildung
8. Projekte und Institutionen des interreligiösen Dialogs
9. Beispiele für gelungenen interreligiösen Dialog
10. Herausforderungen und Probleme im interreligiösen Dialog
Interreligiöser Dialog: Das Wichtigste in Kürze
- Interreligiöser Dialog: bedeutet respektvoller Austausch zwischen Menschen verschiedener Religionen.
- Ziel: ist gegenseitiges Verständnis, ohne den eigenen Glauben aufzugeben oder zu relativieren.
- Räume: Interreligiöser Dialog findet im Alltag, in Schulen, Gemeinden, Vereinen und sozialen Einrichtungen statt.
- Gemeinsamkeiten: Christentum, Judentum und Islam verbindet unter anderem der Glaube an den einen Gott sowie der Einsatz für Frieden und Mitmenschlichkeit.
- Unterschiede: zwischen Religionen bleiben bestehen und sollen offen benannt werden dürfen.
- Die Evangelische Kirche im Rheinland: engagiert sich aktiv im christlich-jüdischen und christlich-muslimischen Dialog.
- Grenzen des Dialogs: bestehen dort, wo Gruppen demokratische Werte ablehnen oder von extremistischen Ideologien geprägt sind.
Was versteht man unter interreligiösem Dialog?
Der interreligiöse Dialog kann ganz unterschiedliche Formen haben. Er zeigt sich zum Beispiel in Gesprächen zwischen Vertreterinnen und Vertretern unterschiedlicher Glaubensrichtungen. Genauso zeigt er sich aber auch in gemeinsam gefeierten Festen, in der Schule, auf der Arbeit oder in der Nachbarschaft. Ganz verkürzt lässt sich diese Definition festhalten: Interreligiöser Dialog findet überall dort statt, wo Menschen mit unterschiedlichen Religionen aufeinandertreffen und sich über ihren Glauben austauschen. Es geht aber nicht nur um Gedankenaustausch über den Glauben, sondern auch um gesellschaftliches Handeln und Zusammenarbeit im Alltag.
Das Lexikon für Theologie und Kirche fasst es so zusammen: „Interreligiöser Dialog ist die Begegnung und der Austausch von Angehörigen verschiedener Religionen mit dem Ziel des gegenseitigen Verstehens, der Achtung und der Zusammenarbeit.“
Warum interreligiöser Dialog heute wichtig ist
Religiöse Vielfalt prägt den Alltag in Deutschland zunehmend. So zeigte die letzte Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung von 2022 (KMU), dass sich zu diesem Zeitpunkt nur noch 48 Prozent der Bevölkerung zur evangelischen oder katholischen Kirche bekannt haben. Während 43 Prozent angaben, keine feste religiöse Bindung zu haben, gaben neun Prozent an, entweder einer anderen christlichen Kirche anzugehören oder eine andere Religion (z. B. muslimisch, jüdisch, o. a.) zu haben.
In einer Gesellschaft, in der Religion also für viele Menschen keine große Rolle mehr spielt, glauben wir, dass das nicht zur Abschottung führen darf. Es bringt wenig, ausschließlich Privilegien zu verteidigen. Stattdessen wollen wir als evangelische Christinnen und Christen zeigen, was uns trägt und warum Glaube für diese Welt wichtig sein kann. Das ist zum Beispiel der Einsatz für Frieden und Gerechtigkeit. Dieses Ziel verfolgen auch viele andere Religionsgemeinschaften.
Gesellschaftliche und politische Vermittlung
In einigen Bereichen übernimmt der interreligiöse Dialog auch eine wichtige Rolle bei politischen Diskussionen, die auch Menschen betreffen, die selbst wenig religiös sind. So kommt es zum Beispiel immer wieder vor, dass Kirchengemeinden als Moderatorinnen und Beraterinnen auftreten, wenn es darum geht, wie der muslimische Gebetsruf in einer Stadt gestaltet werden kann. Viele christliche Gemeinden pflegen engere Kontakte zu muslimischen Gemeinden als etwa die Stadtverwaltung. So ist unter den Religionsgemeinschaften eher ein Dialog möglich als auf anderen gesellschaftlichen Ebenen.
Interreligiöser Dialog aus christlicher Perspektive
Ob als Gespräch mit Gott beim Beten oder im Austausch mit anderen Menschen: In der Bibel steht der Dialog oft im Zentrum. Zwar gibt es Bibelstellen, in denen von kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen Gruppen unterschiedlicher Religionen und Herkunft die Rede ist. Christinnen und Christen sehen sich allerdings vor allem der Nächstenliebe verpflichtet, wie sie Jesus Christus gelehrt und gelebt hat.
Nächstenliebe und Offenheit gegenüber anderen Religionen
Im Lukasesvangelium (4,16-30 ) fällt der berühmte Satz, dass ein Prophet nichts in seiner Heimatstadt gilt. Jesus bezieht sich hier auf die Geschichten von Elia und Elischa. Beide werden von Gott zu Menschen geschickt, die nicht zum Volk Israel gehören. Elia unterstützt eine Witwe aus Sidon während einer schweren Hungersnot und Elischa heilt den syrischen General Naaman von seiner Krankheit.
Noch bekannter ist wohl das Gleichnis Jesu vom barmherzigen Samariter (Lukas 10,25-37 ). In der Geschichte geht es vor allem darum, dass ausgerechnet der Mensch nach Gottes Willen handelt, der nicht zur Religion der Mehrheit gehört Der helfende Samariter gehörte zur Zeit Jesu sogar zu einer religiösen Minderheit, die von vielen abgelehnt wurde. Damit macht die Geschichte deutlich, dass Nächstenliebe allen Menschen gelten soll – unabhängig von Religion oder Herkunft.
Religiöse Grenzen überwinden
In diesen und vielen weiteren Beispielen zeigt sich, dass Gottes Gnade eben auch für Menschen mit anderem Glauben gelten kann. Im frühen Christentum wurden die religiösen Grenzen mehrfach überwunden. Davon erzählt zum Beispiel die Begegnung von Petrus mit dem römischen Hauptmann Kornelius (Apg 10 ). Petrus trifft hier auf einen Römer, der weder jüdischen noch christlichen Glaubens ist. Petrus zögert schon dabei, überhaupt in das Haus dieses Mannes einzutreten. Er tut es aber doch und überschreitet somit auch sprichwörtlich eine religiöse Grenze.
Dennoch stellt sich an dieser Stelle auch die Frage nach der Wahrheit. Christinnen und Christen glauben, dass ihnen in Jesus Gottes Wahrheit begegnet. Aber deshalb müssen sie andere Religionen nicht abwerten. Denn Gott ist immer größer als das, was Menschen von ihm verstehen. Darum kann man zum eigenen Glauben stehen und trotzdem offen und respektvoll anderen begegnen.
Interreligiöser Dialog zwischen Christentum und Islam
Jesus spielt als Prophet im Islam eine anerkannte und wichtige Rolle. Theologisch gibt es mindestens an dieser Stelle also Verbindungen zwischen Christentum und Islam. Durch die Anerkennung von Jesus als Propheten beziehen sich Muslime auf Inhalte des christlichen Glaubens, ohne diese komplett zu übernehmen.
Eine Verbindung zeigt sich auch dort, wo es im Islam Regelungen zum Umgang mit anderen Religionen gibt. Generell unterscheidet das islamische Recht dabei zwischen muslimischen und nichtmuslimischen Menschen. Auf einer weiteren Ebene gibt es bei nichtmuslimischen Menschen auch die Kategorie „Leute der Schrift“. Damit sind Jüdinnen und Juden sowie Christinnen und Christen gemeint. Den „Leuten der Schrift“ fühlt sich der Islam theologisch verbunden. Zum Beispiel im Glauben an den einen Gott.
Deshalb gelten in Bezug auf Kontakte zu Menschen jüdischer und christlicher Religionszugehörigkeit viel weitergehende Rechte als gegenüber anderen Nichtmusliminnen und Nichtmuslimen. So ist zum Beispiel eine Ehe zwischen einem muslimischen Mann und einer christlichen Frau im Islam theologisch und rechtlich gedeckt.
Unterschiede im Glauben und gemeinsame Werte im Alltag
Dennoch gibt es auch Unterschiede im Glauben. Zwar ist Jesus eine zentrale Figur im Islam, aber eben nicht der Erlöser, wie ihn Christinnen und Christen sehen. Zwar glauben Musliminnen und Muslime auch an den einen Gott, doch im Gottesbild gibt es Unterschiede. Christinnen und Christen glauben an die Dreieinigkeit Gottes. Das zeigt sich zum Beispiel daran, dass sie an Gott glauben, der in Form von Vater, Sohn (Jesus) und Heiligem Geist verstanden wird. Diese Differenzierung gibt es im Islam nicht.
Allerdings gibt es gemeinsame Grundwerte, die ihre Wurzeln im Glauben haben. Muslim*innen wie Christ*innen sehen in der Hilfe für arme, kranke und benachteiligte Menschen einen zentralen Punkt in der Glaubensausübung. In Pflegediensten, Krankenhäusern und in Arztpraxen arbeiten Christ*innen und Muslim*innen zusammen – viele von ihnen auch motiviert durch ihren Glauben. Gleiches gilt bei der Hilfe für arme Menschen oder in der Katastrophenhilfe.
Dialog zwischen Christentum und Judentum
Jesus ist Jude und das Christentum gäbe es ohne seine jüdischen Voraussetzungen gar nicht und könnte ohne das jüdische Gegenüber nicht weiter existieren. Das verpflichtet uns als Christinnen und Christen auch immer zum Dialog – und zwar nie mit dem Anspruch, Menschen jüdischen Glaubens zu missionieren oder vom Christentum zu überzeugen. Denn Christinnen und Christen beten zum Gott Israels.
Christlich-jüdischer Dialog in der Evangelischen Kirche im Rheinland
Der Dialog zwischen Christentum und Judentum zeigt sich im Rheinland auf vielen Ebenen. Das geht von der Zusammenarbeit evangelischer Gemeinden und Synagogengemeinden bis zu gemeinsamen Festen und Gedenkveranstaltungen. Innerhalb der Evangelischen Kirche im Rheinland hat der interreligiöse Dialog mit Jüdinnen und Juden einen festen Stellenwert. Er ist sogar in der Kirchenordnung der Landeskirche verankert, also in den grundlegenden Regeln der Kirche. Dort heißt es, die rheinische Kirche „bezeugt die Treue Gottes, der an der Erwählung seines Volkes Israel festhält“ und „fördert das christlich-jüdische Gespräch“.
Diese Passage ist nicht nur ein Versprechen auf Papier, sondern wird auch von vielen Menschen gelebt und umgesetzt. So gibt es in den Kirchenkreisen auf dem Gebiet der Landeskirche Beauftragte für christlich-jüdische Gespräche – also Menschen, die vor Ort Kontakt suchen und diesen pflegen. Zudem gibt es auf der Ebene der Landeskirche eine Fachgruppe „christlich-jüdischer Dialog“, die sich regelmäßig trifft. Zudem hat das Landeskirchenamt einen Beauftragten für die christlich-jüdischen Beziehungen und die Israel-Palästina-Arbeit.
Interreligiöser Dialog im Alltag
Interreligiöser Dialog zeigt sich am sichtbarsten im Alltag. Im Beruf und im öffentlichen Raum können dies alle sehen, die mit offenen Augen durch die Welt gehen. Ein Beispiel dafür ist die soziale Arbeit – also der Arbeitsbereich, in dem armen, kranken und bedürftigen Menschen geholfen wird. In der Diakonie oder in Gemeinden vor Ort wird bei der Hilfe nicht nach Religion unterschieden. Jede Person ist aus unserer Sicht ein wichtiges Mitglied der Gemeinschaft, in der sie lebt. Evangelische Beratungsstellen und Hilfsangebote sind für alle offen – unabhängig von Herkunft, Religion oder sexueller Orientierung. Sie richten sich an Einzelpersonen, Familien, Paare, Kinder, Jugendliche und Erwachsene.
Es geht um die Probleme der Menschen in ihrer Trauer, Wut, Einsamkeit oder Hilflosigkeit. In diakonischen Einrichtungen – zum Beispiel in der Altenpflege – arbeiten auch unter dem Dach der evangelischen Kirche Menschen mit ganz unterschiedlichen religiösen Hintergründen. Interreligiöser Dialog findet dort nicht nur zwischen Mitarbeitenden selbst statt, sondern auch zwischen Mitarbeitenden und Klient*innen.
Interreligiöser Dialog in Schule und Bildung
Schon seit Ende der 1990er Jahre gibt es die Verständigung innerhalb der Evangelischen Kirche in Deutschland, die vorsieht, gemeinsam – etwa zur Einschulung – eine religiöse Feier durchzuführen. Das kann zum Beispiel eine Feier sein, an der Christ*innen, Muslim*innen, Jüdinnen und Juden oder Schüler*innen anderer religiöser Hintergründe teilnehmen. Bei diesen Festen können auch Vertreterinnen und Vertreter unterschiedlicher Religionen am Gottesdienst beteiligt werden. In der Feier sollen aber auch die Besonderheiten der einzelnen Religionen geachtet werden.
Gemeinsamer Religionsunterricht in der Schule
Im Religionsunterricht an Schulen kann auch interreligiöser Dialog stattfinden. So können zum Beispiel auch jüdische oder muslimische Schüler*innen den evangelischen Religionsunterricht besuchen. Als Evangelische Kirche im Rheinland treten wir aber dafür ein, dass der Religionsunterricht dadurch nicht beliebig werden darf und evangelischen Schüler*innen immer der Eindruck vermittelt werden sollte, dass sie ihre Religion offen und mit Bekenntnis ausleben können.
Seit dem Schuljahr 2018/19 gibt es in Nordrhein-Westfalen den konfessionell-kooperativen Religionsunterricht, bei dem evangelische und katholische Schüler:innen zusammen unterrichtet werden. Auch hier ist vorgesehen, dass dadurch aber keine Beliebigkeit entsteht. Auf der Website des Landes NRW zu dem Thema heißt es: „Dazu gehört unter anderem, dass es einen verbindlichen Wechsel zwischen Lehrkräften beider Konfessionen gibt. Auf diese Weise betont der kokoRU die verbindenden Grundüberzeugungen des christlichen Glaubens und bietet zugleich Raum für die jeweiligen konfessionellen Sichtweisen.“
Neben dem Religionsunterricht kann ein interreligiöser Dialog aber auch in anderen Fächern wie im Geschichtsunterricht, dem Ethikunterricht oder auch in Fächern stattfinden, in denen Sprachen und Literatur und deren Begleitumstände im Mittelpunkt stehen.
Austausch in der Erwachsenenbildung
In der Erwachsenenbildung spielen die Familienbildungsstätten eine große Rolle, die teilweise von Gemeinden oder anderen Trägern betrieben werden. Hier gibt es Krabbelgruppen, Kochkurse, Sprachkurse, Erholungs- und Sportangebote. Und auch diese Angebote stehen Menschen aller Religionen offen.
Projekte und Institutionen des interreligiösen Dialogs
Interreligiöser Dialog findet im Alltag, in der Schule und im Beruf meist ohne feste Regeln statt. Es braucht keine Verfahrensregelung, um auf der Arbeit an der Kaffeemaschine darüber zu sprechen, worin der Unterschied zwischen Chanukka und Weihnachten liegt. Und auch beim Bingo-Spiel im Seniorenheim muss kein Vereinsvorstand dabei sein, wenn Bewohner*innen über Feiertage in der eigenen Religion reden. Auf der anderen Seite gibt es aber auch Stiftungen, Vereine und andere Organisationen, die interreligiösen Dialog zum Ziel haben und dies auch in festen Strukturen tun.
Auch Zusammenschlüsse von christlichen Kirchen betreiben interreligiösen Dialog. Die Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen in Deutschland e.V. (ACK) ist im interkonfessionellen Dialog – also im Dialog zwischen christlichen Kirchen. Sie kommuniziert aber auch nach außen und betreibt somit auch interreligiösen Dialog.
Aktuell setzt sie gemeinsam mit dem Zentralrat der Juden in Deutschland und dem Koordinationsrat der Muslime das Projekt „Weißt Du, wer ich bin?“ um. Im Zentrum des Projekts steht eine (finanzielle) Förderung von religiösen Gruppen (Gemeinden, Vereine etc.) für eigene Initiativen, bei denen mindestens zwei Religionsgruppen zusammenarbeiten.
Gemeinsam für Verständigung und Religionsfreiheit weltweit
Die Evangelische Kirche ist auch Mitgliedskirche der Vereinten Evangelischen Mission (VEM) in Wuppertal. Die VEM ist eine internationale, gleichberechtigte Gemeinschaft von 39 Mitgliedern, darunter 38 evangelische Kirchen in Afrika, Asien und Deutschland und die v. Bodelschwinghschen Stiftungen Bethel . Die VEM fördert an vielen Stellen den interreligiösen Dialog.
Die VEM ist in Ländern aktiv, in denen Religionsfreiheit nicht zum Alltag gehört. „In Indonesien etwa herrscht zwar offiziell Religionsfreiheit, immer wieder gibt es aber Anschläge auf Kirchen und Christen. Auch im buddhistisch geprägten Sri Lanka hat unsere Mitgliedskirche, die methodistische Kirche, keinen leichten Stand. In Nord-Kamerun verbreitet Boko Haram Angst und Schrecken“, schreibt die VEM auf ihrer Website.
Dennoch setzt sie sich für Dialog ein. „Dagegen setzen wir, wie Jesus es vorgemacht hat, Feindesliebe und Kommunikation. Wir unterstützen die Opfer. Wir fördern Gespräche mit den andersgläubigen Nachbarn und unterstützen gemeinsame Projekte“, erklärt die Vereinte Evangelische Mission zum interreligiösen Dialog.
Beispiele für gelungenen interreligiösen Dialog
Interreligiöser Dialog zeigt sich nicht nur im Alltag, sondern auch in ganz besonderen Momenten oder Festen. Ein Beispiel dafür kann die Hochzeit sein. So ist eine evangelische Trauung auch möglich, wenn ein Ehepartner nicht Mitglied einer christlichen Kirche ist. Das bedeutet, dass eine kirchliche Trauung auch möglich ist, wenn ein Teil des Paares zum Beispiel muslimischen Glaubens ist. Generell ist ein verbindendes Element darin zu sehen, dass Menschen christlichen und muslimischen Glaubens die Ehe als eine gute Gabe Gottes sehen. Unterschiede gibt es aber bei der Art der religiösen Feier sowohl in der Praxis als auch in der theologischen Haltung, die darin zum Ausdruck kommt.
Wie eine solche Trauung konkret aussehen kann und welche theologischen Gemeinsamkeiten und Unterschiede es zum Beispiel bei einer christlichen und einer muslimischen Eheschließung gibt, fasst eine Arbeitshilfe der Evangelischen Kirche im Rheinland zusammen.
Eines der größten Feste im Rheinland ist der Karneval. Und dieser wird seit einigen Jahren auch im Zeichen des interreligiösen Dialogs gefeiert. So fährt beim Düsseldorfer Rosenmontagszug zum Beispiel seit einigen Jahren der so genannte Toleranzwagen mit. Auf dem Wagen fahren Vertreterinnen und Vertreter der evangelischen und katholischen Kirche, anderer christlicher Kirchen, der jüdischen und muslimischen Verbände, und seit 2026 auch einer buddhistischen Gemeinschaft mit.
Herausforderungen und Probleme im interreligiösen Dialog
Zwar gibt es zwischen Christentum, Judentum und Islam an vielen Stellen Gemeinsamkeiten, wie den Glauben an den einen Gott. Dies im Alltag immer wieder zu betonen ist für ein gutes Miteinander wichtig. Genauso wichtig ist es aber, Unterschiede zu benennen und so den Glauben einzelner Menschen nicht zu relativieren.
In Deutschland ist die Religionsfreiheit im Grundgesetz festgeschrieben. Die Präambel des Grundgesetzes spricht aber auch davon, dass sich die Bundesrepublik Deutschland „in Verantwortung vor Gott“ diese Verfassung gegeben hat. Dieser Gottesbezug ist weit gefasst und schließt damit auch muslimische Gläubige mit ein. Das Grundgesetz spricht hier aber nicht nur von der Freiheit, sondern auch der Verantwortung gegenüber Gott. Daraus lässt sich schließen, dass unterschiedliche Religionen auch gemeinsam daran arbeiten sollten, das Grundgesetz einzuhalten und zu schützen.
Auch die Bibel gesteht Menschen anderen Glaubens Freiheit und die Gnade Gottes zu. Diese Religionsfreiheit ist nicht verhandelbar. Dass in anderen Ländern Christinnen und Christen womöglich nicht die gleichen Rechte wie andere Religionsangehörige haben, darf für uns nicht bedeuten, dass wir die Religionsfreiheit der dort vorherrschenden Religion bei uns infrage stellen.
Moderation und Grenzen
Wenn im öffentlichen Diskurs über Religion gesprochen wird, sind es oft verkürzte Aussagen oder Unwissen über Religionen, die zu Missverständnissen führen. Die Evangelische Kirche im Rheinland sieht bei solchen Diskussionen und Missverständnissen ihre Rolle auch als Moderatorin. Vor allem Gemeinden und Kirchenkreise pflegen enge Kontakte zu unterschiedlichen Religionsgemeinschaften und können so bei öffentlichen Diskursen vermitteln.
Grenzen des interreligiösen Dialogs gibt es dort, wo zum Beispiel religiöse Gruppen zu Sekten werden oder stark von Verschwörungstheorien geprägt sind. Hier ist ein Dialog mit den Gruppen selbst nicht erstrebenswert. Aber die Evangelische Kirche im Rheinland sucht den Dialog mit Menschen, die aus Sekten ausgetreten sind.
Interreligiöser Dialog als Beitrag zum gesellschaftlichen Frieden
Interreligiöser Dialog ist ein wichtiger Beitrag zum Frieden – nicht, weil dabei alle Unterschiede verschwinden, sondern weil Misstrauen und Vorurteile weniger Raum bekommen, wenn Menschen einander wirklich begegnen. Wo Christ*innen, Muslim*innen, Jüd*innen oder Menschen anderer Religionen miteinander sprechen, entsteht Verständnis: für das, was uns wichtig ist, und auch für das, was uns trennt.
Frieden wächst oft im Kleinen: in der Nachbarschaft, in der Schule, am Arbeitsplatz oder in der Gemeinde. Er entsteht überall dort, wo wir bereit sind, zuzuhören, Fragen zu stellen und dazuzulernen. Genau darum ist interreligiöser Dialog kein einmaliges Projekt, sondern ein andauernder Prozess. Interreligiöser Dialog ist ein Weg, auf dem wir immer wieder neu üben, respektvoll zu bleiben, auch wenn es schwierig wird.
Wer sich darauf einlässt, setzt ein Zeichen – und kann ganz konkret dazu beitragen, dass aus „die anderen“ wieder Menschen werden. Dieses Zeichen ist umso wichtiger in einer Welt, in der Konflikte und Spaltungen die Nachrichten und auch die Gefühle vieler Menschen zu bestimmen scheinen.
