Homosexualität in der evangelischen Kirche

Evangelische Kirche und Homosexualität gehören für viele Menschen heute selbstverständlich zusammen. Denn: Gott liebt alle Menschen gleich. Das ist die Botschaft, die Jesus Christus uns mitgegeben hat. Nach ihr leben wir in der evangelischen Kirche. Die Sexualität der Menschen spielt dabei keine Rolle. Dennoch gibt es immer wieder Diskussionen über Homosexualität in der Kirche. Dabei geht es zum Beispiel um Themen wie Diskriminierung oder Gleichstellung.

Die Evangelische Kirche im Rheinland hat sich in der Vergangenheit immer wieder mit Beschlüssen auf der Landessynode für die Akzeptanz und die Rechte von LGBTQIA+-Personen eingesetzt. Die Landessynode ist das höchste Gremium der rheinischen Kirche und wirkt quasi wie ein Kirchenparlament. Der Anspruch ist, sichere Orte für queere Menschen zu schaffen. Dafür steht beispielsweise das Projekt Queere Kirche Köln.

Homosexualität in der evangelischen Kirche: Das Wichtigste in Kürze

  • Grundhaltung: Evangelische Kirche und Homosexualität schließen sich nicht aus. Grundlage ist die Überzeugung, dass Gott alle Menschen gleichermaßen liebt – unabhängig von sexueller Orientierung oder geschlechtlicher Identität.
  • Klare Position: Die Evangelische Kirche im Rheinland setzt sich seit Jahren aktiv für die Rechte von LGBTQIA+-Personen ein. Mit einem Schuldbekenntnis von 2025 erkennt sie begangenes Unrecht und bestehende Diskriminierung ausdrücklich an.
  • Theologische Einordnung: Vielfalt wird als Teil von Gottes Schöpfung verstanden. Geschlechtliche und sexuelle Vielfalt gelten nicht als Widerspruch zum christlichen Glauben.
  • Segnung und Trauung: In vielen evangelischen Landeskirchen sind Segnungen gleichgeschlechtlicher Paare seit den frühen 2000er-Jahren möglich. In der Evangelischen Kirche im Rheinland können queere Paare seit 2016 kirchlich getraut werden.
  • Queere Pfarrer*innen: In der Evangelischen Kirche im Rheinland können Pfarrer*innen unabhängig von ihrer sexuellen Orientierung oder geschlechtlichen Identität im Amt tätig sein und kirchlich heiraten.
  • Bibel und Homosexualität: Bibelstellen zu Homosexualität werden heute historisch und kontextbezogen ausgelegt. Moderne Theologie geht davon aus, dass die biblischen Texte keine einvernehmlichen gleichgeschlechtlichen Beziehungen im heutigen Sinne beschreiben.
  • Globale Perspektive: Weltweit gibt es sehr unterschiedliche kirchliche Haltungen zu Homosexualität – von klarer Anerkennung bis hin zu deutlicher Ablehnung.
  • Initiativen und Sichtbarkeit: Projekte wie die Queere Kirche Köln, die Arbeit der Stabsstelle Vielfalt und Gender sowie zahlreiche Bündnisse fördern Sichtbarkeit, Vernetzung und sichere Räume für queere Menschen in der Kirche.

Wie steht die evangelische Kirche zu Homosexualität?

Die Evangelische Kirche im Rheinland bekennt sich zu ihrer Verantwortung für begangenes Unrecht gegenüber LGBTQIA+ Menschen. LGBTQIA+ ist eine Abkürzung für Lesben, Schwule, Bisexuelle sowie Trans-, Queer-, intersexuelle und asexuelle* Personen. Das Pluszeichen am Ende steht für weitere Geschlechtsidentitäten und sexuelle Orientierungen, die nicht explizit in der Abkürzung aufgeführt sind.

Die Evangelische Kirche im Rheinland gesteht ein: „Viele Menschen haben in der und durch die Evangelische Kirche im Rheinland aufgrund ihrer geschlechtlichen Identität und/oder sexuellen Orientierung Diskriminierung erfahren – und erfahren dies bis heute.“ So steht es in einem Schuldbekenntnis , das Teil eines Beschlusses der Landessynode 2025 ist.

Vielfalt als Teil von Gottes Schöpfung

Mit dem Beschluss der Landessynode ist auch eine theologische Einordnung zum Thema Vielfalt verbunden. Darin bekräftigt die rheinische Kirche, dass „alle Menschen im Spektrum der Geschlechtsidentitäten von männlich und weiblich sowie allem dazwischen und außerhalb verortet sind“.

Das bedeutet kurz gesagt: In Gottes Schöpfung ist auch die Vielfalt geschlechtlicher Orientierung enthalten. Die Evangelische Kirche im Rheinland blickt aber nicht nur zurück auf Unrecht. Vielmehr setzt sie sich auch heute und in Zukunft dafür ein, dass Menschen in ihrer Vielfalt wahrgenommen, wertgeschätzt und willkommen geheißen werden. Das ist ein Prozess, den die Stabsstelle Gender und Vielfalt im Landeskirchenamt der Evangelischen Kirche im Rheinland begleitet und auf der Website queer.ekir.de dokumentiert.

Was ist evangelisch?

Positionen der EKD und kirchliche Debatten im Wandel

Auch die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) positioniert sich immer wieder deutlich zugunsten der Rechte von queeren Menschen. Alle Menschen, auch „Mitglieder der LGBTQI+-Community sind dazu berufen, ihre Partnerschaft vom biblischen Liebesgebot her zu gestalten“, hieß es beispielsweise in einem Instagram-Post , den die EKD im Mai 2022 veröffentlichte. Anlass war die Diskussion um mutmaßlich queer-feindliche Aussagen eines Pfarrers aus Bremen.

Queere Trauungen und Entwicklung des Pfarramts

In der Vergangenheit hat es aber sowohl auf Synoden der Evangelischen Kirche im Rheinland wie auch auf EKD-Synoden Diskussionen vor allem um das Thema Ehe von queeren Menschen gegeben. So wurde in den 1990er-Jahren diskutiert, ob gleichgeschlechtliche Partnerschaften der Ehe von Menschen unterschiedlichen Geschlechts gleichzusetzen seien.

In einem Beschluss der Landessynode der Evangelischen Kirche im Rheinland im Jahr 1999 heißt es zum Beispiel noch: „Die gottesdienstliche Segnung eines Paares, das in einer verbindlichen auf Dauer angelegten eheähnlichen Lebensgemeinschaft lebt, wird von ungefähr gleich vielen Presbyterien befürwortet wie abgelehnt (141:140 bei insgesamt 422 Rückmeldungen aus Presbyterien).“ Jüngste Synodenbeschlüsse zeigen, dass solche Ansichten und auch Mehrheiten innerhalb der rheinischen Landeskirche nicht mehr bestehen.

Heutige Haltung zu Homosexualität in der evangelischen Kirche

Für Diskussionen hat immer wieder die Orientierungshilfe der EKD mit dem Titel „Mit Spannung leben“ aus dem Jahr 1996 gesorgt. In ihr finden sich zum Beispiel die Ablehnung der Segnung von gleichgeschlechtlichen Paaren: „Die Segnung einer homosexuellen Partnerschaft kann nicht zugelassen werden.“

Auch sei es „in einer solchen Situation […] nicht vertretbar, das Pfarramt generell für homosexuell lebende Menschen zu öffnen.“ Nur in Einzelfällen sei es möglich, homosexuelle Menschen zum Pfarramt zuzulassen. In jüngeren Stellungnahmen betont die EKD jedoch immer wieder eine deutlich liberalere Haltung der Kirche zum Umgang mit dem Thema Homosexualität . Im November 2025 hat die Synode der EKD den Rat gebeten, die Schrift „Mit Spannungen leben“ künftig nicht mehr als Orientierungshilfe zu nutzen. In einem Schreiben heißt es: „Die EKD bekennt sich zur universellen Geltung der Menschenrechte und lehnt jede Form der Diskriminierung aufgrund einer geschlechtlichen Orientierung oder Identität ab.“ Die bisherige Orientierungshilfe entspreche diese Haltung allerdings nicht mehr.

Globale Unterschiede im kirchlichen Umgang mit Homosexualität

Während in der Evangelischen Kirche in Deutschland die Rechte von Homosexuellen in den vergangenen Jahren gestärkt wurden, gibt es in Partnerkirchen weltweit ähnliche, aber auch gegensätzliche Entwicklungen. So setzt sich nach einem Bericht (ab Seite 12) der Vereinten Evangelischen Mission (VEM) die Christliche Kirche in Ostjava (Indonesien) für die Rechte von queeren Menschen ein. Damit will sie auch daran anknüpfen, dass zum Beispiel Transpersonen in der Geschichte und Kultur der Region immer schon eine wichtige Rolle gespielt haben. Dies soll nun auch im kirchlichen Bereich anerkannt werden.

Die Methodistische Kirche Sri Lankas ist nach eigenen Aussagen aber „entschieden dagegen, Homosexualität anzuerkennen“. Homosexuelle dürfen dort keine kirchlichen Ämter ausüben und eine kirchliche Trauung von homosexuellen Paaren ist dort nicht vorgesehen.

Das zeigt: es gibt sehr unterschiedliche Ansichten zu dem Thema innerhalb der Partnerkirchen der Evangelischen Kirche im Rheinland im Ausland. Ausführlich hat sich die VEM mit dem Thema in einem Podcast zu Homosexualität in der Ökumene , aber auch in einem ausführlichen Papier („Discourse on Sexual Orientation and Gender Identity“) beschäftigt. Vor allem in dem Podcast wird deutlich, dass unterschiedliche Ansichten zu dem Thema keine Frage der Region sind. So gebe es sowohl ablehnende Haltung zum Thema Homosexualität in Europa wie auch sehr offene Haltungen in anderen Teilen der Welt.

Homosexualität im Christentum – ein historischer Überblick

Ein historischer Überblick über das Thema Homosexualität ist ohne weiteres nur möglich, wenn man die Konzepte von Liebe, Partnerschaften und auch der Ehe in den jeweiligen Epochen betrachtet.

Antike und Altes Testament

In der Antike und im Alten Testament war das Konzept von Homosexualität und gleichgeschlechtlichen Partnerschaften nicht so bekannt, wie unser modernes Verständnis von einer einvernehmlichen Liebesbeziehung von zwei Menschen des gleichen Geschlechts. Zeitgenössische Texte wie die Geschichte von den Sodomitern (Gen 19 ) werden zwar in diesem Zusammenhang immer wieder zitiert. Wie der Theologe Prof. Dr. Thomas Hieke argumentiert, wird hier aber viel mehr eine Gewalttat eines Mannes gegenüber einem anderen Mann beschrieben. Es handelt sich viel mehr um eine gewalttätige Machtdemonstration. Von einvernehmlichem Sex oder gar einer Beziehung kann in diesem Kontext nicht gesprochen werden.

Frühchristliche Gemeinden: Das Neue Testament

Für die Betrachtung von Homosexualität zu Zeiten frühchristlicher Gemeinden wurden in der Vergangenheit oft Stellen aus dem Neuen Testament herangezogen. Vor allem wurden die Schriften von Paulus herangezogen – beispielsweise der Römerbrief .

Wie der Theologe Dr. William Loader schreibt, gehe Paulus jedoch davon aus, dass alle Menschen heterosexuell geschaffen seien. Eine Annahme, die heute an vielen Stellen wissenschaftlich widerlegt ist – nicht nur theologisch. Argumente für eine Anerkennung von gleichgeschlechtlichen Partnerschaften finden sich daher kirchengeschichtlich in dieser Zeit nicht.

Homosexualität und Kirche im Mittelalter

Gleichgeschlechtliche Handlungen wurden von mittelalterlichen Theologen in der Regel als sündhafte Akte angesehen. Homosexuelle Partnerschaften mit kirchlichem Segen waren also kaum denkbar.

Dennoch gab es theologische Diskussionen zu dem Thema. Prof. Dr. Klaus van Eickels , Historiker an der Universität Bamberg, sagte 2021:

Hugo von St. Viktor, einer der bedeutendsten Theologen im 12. Jahrhundert, stellte die Frage, warum denn nicht ein Mann einen Mann oder eine Frau eine Frau heiraten solle.“ Laut van Eickels habe Hugo von St. Viktor argumentiert, dass nach kirchlicher Ansicht die Jungfrau Maria auch nach ihrer Heirat mit Joseph jungfräulich gelebt habe. Das Argument, dass eine Ehe am Ende der Fortpflanzung zu dienen habe, lässt sich also auf genau diesen Fall nicht anwenden. Wenn das also nicht der Hauptgrund für die Ehe sei, so sei auch eine Partnerschaft zwischen Mann und Mann oder Frau und Frau denkbar und sogar ein „Bündnis lobenswerter Liebe“, wie van Eickels Hogu St. Viktor zitiert. Das Sakrament der kirchlichen Ehe sei allerdings für Hugo von St. Viktor auf solch eine Partnerschaft nicht anzuwenden.

Partnerschaft im Mittelalter

19. Jahrhundert bis heute: Katholische Positionen zu Homosexualität

Unser heutiges Verständnis der Ehe hat sich erst im 19. Jahrhundert entwickelt. Eine offizielle Position zum Thema Homosexualität bezieht die katholische Kirche nach Ansicht vieler Beobachter*innen jedoch erst im 20. Jahrhundert. Mit der Schrift „persona humana“ von 1975 widmet sich der Vatikan dem Zusammenleben von Menschen – und eben auch homosexuellen Beziehungen. Das Fazit bleibt jedoch eine Ablehnung dieser Beziehungen. Homosexuelle Menschen werden darin als „schuldhaft“ bezeichnet. Im Jahr 2008 sprach sich eine Delegation des Vatrikans bei den Vereinten Nationen für eine staatliche Entkriminalisierung von homosexuellen Partnerschaften aus, die auch heute noch in vielen Ländern verboten sind.

Eine kirchliche Trauung gleichgeschlechtlicher Paare in der katholischen Kirche gibt es bis heute nicht. Im April 2025 haben die Deutsche Bischofskonferenz (DBK) und das Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) aber eine Handreichung für Seelsorger*innen zu dem Thema veröffentlicht. Sie ist nicht rechtlich bindend, bietet aber eine Hilfestellung für die Segnung von Paaren „aller geschlechtlichen Identitäten und sexuellen Orientierungen sowie Paare, die aus anderen Gründen nicht das Sakrament der Ehe empfangen wollen oder können“.

Unterschiede zwischen evangelischer und katholischer Kirche

Entwicklung in der evangelischen Kirche: 1990er-Jahre bis heute

In der Evangelischen Kirche in Deutschland hat es vor allem in den 1990er-Jahren auf mehreren Synoden von Landeskirchen Erklärungen gegen Gewalt an Homosexuellen gegeben. Die bereits erwähnte Stellungnahme „Mit Spannungen leben“ aus dem Jahr 1996 sorgte jedoch für Diskussionen, weil darin eine Gleichstellung von gleichgeschlechtlichen Partnerschaften mit der Ehe abgelehnt wurde. In den frühen 2000er-Jahren wurden dann Segnungen von gleichgeschlechtlichen Paaren durchgeführt.

In der Evangelischen Kirche von Hessen und Nassau (EKHN) wurde ab 2002 eine gottesdienstliche Segnung von eingetragenen Partnerschaften durchgeführt. Seit 2016 ist die kirchliche Trauung von gleichgeschlechtlichen Paaren in der Evangelischen Kirche im Rheinland möglich. Das ist allerdings bis heute noch nicht in allen Landeskirchen der Evangelischen Kirche in Deutschland möglich. Die EKHN verabschiedete 2023 ein Schuldbekenntnis und stieß eine selbstkritische Aufarbeitung der Diskriminierung von Homosexuellen an. Die Evangelische Kirche im Rheinland verabschiedete 2025 ein ähnliches Schuldbekenntnis auf ihrer Landessynode. Die EKD-Synode hat sich Ende 2025 von der eigenen Orientierungshilfe „Mit Spannungen leben“ distanziert. Sie solle nicht mehr weiterverbreitet und vertreten werden.

Immer wieder gibt es aber auch von leitenden Geistlichen Stellungnahmen zu dem Thema. Hinzu kommen Initiativen auf landeskirchlicher Ebene. So sind Gruppen der Evangelischen Kirche im Rheinland seit einigen Jahren immer wieder am Christopher Street Day beteiligt. Zudem hat sich der rheinische Präses Dr. Thorsten Latzel offen für die Queere Kirche Köln eingesetzt und sie besucht. Ein Reel auf Instagram berichtet von dem Besuch.

Homosexualität in der Kirche: historischer Verlauf

Was sagt die Bibel über Homosexualität?

In der Bibel finden sich mehrere Stellen, in denen Homosexualität bzw. homosexuelle Geschlechtsbeziehungen thematisiert werden. Bei einigen Stellen ist der Bezug zur Homosexualität eindeutig, bei anderen Stellen ist dies nicht ganz so klar. Deshalb listen wir hier einige der eindeutigen Bibelstellen und ihren grob zusammengefassten Inhalt auf. Wie diese Stellen zu deuten sind, erklären wir im Anschluss.

  • Gen 1,27 : Die Bibelstelle beschreibt, wie Gott den Menschen als Mann und Frau erschafft, damit sie ein Paar und fruchtbar werden. In der Theologie wird dieses Bild von Partnerschaft und auch von den Geschlechtern in der Regel nicht mehr so exklusiv gelesen.
  • Lev 18,22 : Hier wird ausdrücklich gesagt, dass Geschlechtsverkehr unter Männern verboten ist; der Text spricht von einem „Gräuel“. Der Theologe Jürgen Ebach ist jedoch der Meinung: Diese Stelle habe „keine homosexuelle Partnerschaft vor Augen, sondern einen bestimmten Sexualakt, der als für Männer entwürdigend gilt“.
  • 1 Kor 6,9 : Paulus führt hier aus, dass Geschlechtsverkehr zwischen Männern diese vom Himmelreich ausschließe. Paulus listet hier eine Reihe von Menschen (Diebe, Geizige, etc.), die das Himmelreich nicht erlangen können. In Bezug auf Homosexualität ist hier aber ebenfalls nicht von einvernehmlichen Beziehungen auszugehen, wie wir sie heute kennen.
  • Röm 1,24–27 : Sex zwischen Männern wird hier als eine Entfernung von Gott dargestellt, bzw. als „gegen die Natur“. In diesem Bibelabschnitt wird auch langes Haar bei Männern als „gegen die Natur“ bezeichnet. Wie es Jürgen Ebach sagt, wächst das Haar bei Männern aber genau so natürlich wie bei Frauen. Daher sei der Naturbegriff von Paulus hier generell zu hinterfragen.

Deutung von Bibelstellen zu Homosexualität

Die genannten und viele weitere Stellen wurden vor allem in der Vergangenheit immer wieder genutzt, um zum Beispiel Homosexualität als Sünde oder im kirchlichen Kontext als verboten darzustellen. Diese Position wird auch heute zum Teil noch in evangelikalen Gemeinden oder in Teilen der katholischen Kirche vertreten.

Nach aktuellem Stand der Bibelwissenschaften sind die biblischen Texte zur Homosexualität und zu den Geschlechterrollen z.B. aus dem Römerbrief nicht mehr so eindeutig zu lesen. Sie stehen immer im Kontext von antiken Gesellschaften. Wenn in der Bibel von gleichgeschlechtlichem Sex gesprochen wird, geht es meist um Macht. Eine Person wird immer als die dominante Person dargestellt. In vielen Fällen wird der Sex auch als gewalttätig angedeutet. Von einvernehmlichen Beziehungen homosexueller Menschen, wie wir sie heute kennen und verstehen, ist dabei nicht die Rede.

Zudem ist auch das Bild der Geschlechter innerhalb der Bibel nicht so eindeutig, wie es die erste Schöpfungsgeschichte mit der Schaffung der Menschen als Mann und Frau es vermuten lässt.

Heute wird in der Theologie und in vielen anderen Wissenschaften eine frühere Annahme infrage gestellt, die in einigen Texten des Neuen Testaments eine Rolle spielt: dass alle Menschen von Natur aus heterosexuell seien. Dieses Verständnis gilt inzwischen als überholt. Vor diesem Hintergrund werden auch die Rollenbilder und Vorstellungen von Sexualität, auf die sich zum Beispiel der Apostel Paulus bezieht, neu bewertet. Sie stammen aus einer anderen Zeit und lassen sich nicht ohne Weiteres auf die heutige Gesellschaft übertragen.

Segnung und Ehe für homosexuelle Paare in der Kirche

Die Forderung nach einer Segnung und der Ehe für homosexuelle Paare in der Kirche gibt es schon lange. Konkrete Fortschritte auf diesem Gebiet gab es in einzelnen evangelischen Landeskirchen in Deutschland ab Anfang der 2000er-Jahre. In der Evangelischen Kirche im Rheinland war ab dem Jahr 2000 eine gottesdienstliche Begleitung von gleichgeschlechtlichen Paaren möglich.

Kirchlich heiraten

Eine kirchliche Trauung homosexueller Paare ist seit 2016 möglich und damit auf kirchlicher Ebene eine Gleichstellung von hetero- und homosexuellen Paaren, die sich trauen lassen. Damit wurde die Ehe für alle in der rheinischen Kirche eingeführt, bevor sie auf staatlicher Ebene im Jahr 2017 gesetzlich verankert wurde.

Queere Pfarrer*innen und Vielfalt in der Kirche

Die Gleichstellung von hetero- und homosexuellen Paaren in der Evangelischen Kirche im Rheinland wird konsequenter Weise auch unter Pfarrpersonen gelebt. Die sexuelle Orientierung sagt für uns nichts über die Fähigkeiten als Pfarrperson aus. Pfarrpersonen dürfen in der rheinischen Kirche heiraten – egal ob der Partner oder die Partnerin männlich oder weiblich ist.

Dasselbe gilt übrigens auch für alle anderen Berufe innerhalb der rheinischen Kirche oder bei diakonischen Werken auf dem Gebiet der Evangelischen Kirche im Rheinland. Auch hier spielen Geschlecht oder sexuelle Orientierung keine Rolle.

Um diese Botschaft nach außen zu tragen und sichere Orte für queere Menschen zu schaffen, gibt es zahlreiche Initiativen der Landeskirche, die für eine Sichtbarkeit queerer Geistlicher und kirchlicher Initiativen sorgen. Federführend dabei ist zum Beispiel die Stabsstelle Vielfalt und Gender im Landeskirchenamt der Evangelischen Kirche im Rheinland. Sie berät Gemeinden, Kirchenkreise und Einzelpersonen und hat in der Vergangenheit mehrere Kampagnen oder Wanderausstellungen initiiert, bei denen auch queere Pfarrpersonen sichtbar gemacht wurden.

Bündnisse und Initiativen für Vielfalt

Innerhalb der evangelischen Kirche gibt es viele Bündnisse und Initiativen für Vielfalt: einige sind in Vereinen oder Gruppen organisiert, andere in Arbeitsgruppen innerhalb von kirchlichen Organisationen.

Eines der bekanntesten Bündnisse queerer Menschen in der Kirche ist die Ökumenische Arbeitsgruppe Homosexuelle und Kirche HUK. In dieser Gruppe organisieren sich Menschen aus ganz unterschiedlichen christlichen Kirchen. Sie setzen sich für die Wahrung der Rechte von queeren Menschen ein.

Innerhalb der Evangelischen Kirche im Rheinland gibt es mit der Stabsstelle Vielfalt und Gender eine eigene Arbeitseinheit, die sich für Vielfalt innerhalb der Kirche einsetzt. Sie überprüft auch, ob die rheinische Kirche sich an die selbst gesetzten Ziele hält. Die Mitarbeitenden der Stabsstelle stehen zudem im Kontakt mit zahlreichen Gruppen und Einzelpersonen innerhalb der Landeskirche.

Queere Kirche Köln und andere Standorte

Eine große Rolle bei der Vernetzung und Unterstützung spielt zudem die Queere Kirche Köln. Sie ist als sogenannter Erprobungsraum entstanden – ein Raum, der neben der klassischen Kirchengemeinde auch Gemeinschaft im kirchlichen Umfeld stiftet. Die Queere Kirche setzt sich aktiv für LGBTQIA+-Personen und ihre Rechte ein.

Aber nicht nur in Köln, sondern auch in anderen Großstädten gibt es kirchliche queere Gruppen, wie zum Beispiel die Queere Kirche Ruhr. Sie ist eine Gruppe, die sich regelmäßig im Weigle-Haus in Essen trifft. Das Weigle-Haus setzt sich als Verein selbst für Vielfalt ein und bietet unter anderem Raum für Jugendgruppen, aber auch für Gottesdienst einer internationalen Gemeinde.

Diese vielfältigen Initiativen und Bündnisse sind nicht nur für die Vernetzung innerhalb der Kirche wichtig. Sie zeigen auch nach außen, dass sich die Evangelische Kirche im Rheinland für Vielfalt einsetzt.

Glaube, Identität und Gemeinschaft

Als Kirche versuchen wir das Gebot der Nächstenliebe, wie es Jesus Christus gelehrt hat, in allen Belangen zu erfüllen. Das bedeutet auch, sichere Orte zu schaffen, in denen sich Menschen gut aufgehoben und geliebt fühlen. Das ist aus unserer Sicht nur möglich, wenn Menschen das Gefühl haben, dass sie nicht diskriminiert werden – auch nicht aufgrund ihrer sexuellen Orientierung. Die Evangelische Kirche im Rheinland soll ein Raum der Inklusion und Spiritualität sein.

Ausstellung: Wir leben Vielfalt

Damit die rheinische Kirche zu einem sicheren Ort in diesem Sinne wird, engagieren sich viele Menschen. In der Ausstellung „Wir leben Vielfalt“ sind einige dieser Menschen zu Wort gekommen. Sie berichten von ihrem Einsatz für die Gleichstellung queerer Menschen, aber auch davon, dass unsere Kirche lange Zeit eben kein Safe Space war, sondern Menschen diskriminiert, persönlich angegriffen oder von ihrem Traum-Job innerhalb der Kirche ausgeschlossen wurden.

Alle Informationen zu der Ausstellung finden sich auf der „Wir leben Vielfalt“-Themenseite . Dort gibt es auch Informationen dazu, wie Gemeinden, kirchliche Einrichtungen oder interessierte Gruppen die Ausstellung ausleihen können. Einige der Personen, die sich mit ihrem Gesicht und ihrer Stimme an der Ausstellung beteiligt haben, haben wir hier aufgeführt.

Neben diesen Personen, gibt es zahlreiche weitere Menschen innerhalb der Kirche, die von ihren Erfahrungen als homosexuelle Mitarbeitende oder queere Kirchenmitglieder berichten können. Einige von ihnen sind als kirchliche Ansprechpersonen auf der Website der Stabsstelle Vielfalt und Gender im Landeskirchenamt der Evangelischen Kirche im Rheinland zu finden. Diese Ansprechpersonen stehen mit unterschiedlichen Erfahrungen und Themenschwerpunkten bei Fragen zur Verfügung.

  • Aaron Clamann
  • Andre Ludwig