Abendmahl mit Kindern: Weil Jesus alle an seinen Tisch lädt

  • Theresa Demski
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In der evangelischen Kirchengemeinde Wuppertal-Langerfeld gehören die Kinder beim Abendmahl dazu – schon seit Jahren. Das hat auch mit der Überzeugung von Pfarrerin Katharina Pött zu tun, dass die Kinder genau hier ihren Platz haben. Ein Besuch.

Abbe nimmt den kleinen blauen Tonbecher von dem Tablett und blickt erwartungsvoll zum Altar. Er muss sich ein bisschen strecken, um zu sehen, was gerade passiert. Das Stück Brot hat er schon vom Teller genommen und in den Mund gesteckt. Aber die Sache mit dem Traubensaft gestaltet sich etwas aufregender. Als Pfarrerin Katharina Pött schließlich mit dem großen Krug vor ihm steht, geht sie in die Knie. Sie begibt sich auf Augenhöhe und schüttet den Traubensaft in Abbes kleinen Becher. Der Junge beobachtet genau, wie die lilafarbene Flüssigkeit in seinen Becher fließt.

„Dieser Saft erinnert uns an Gottes Freundschaft“

Keine zehn Minuten zuvor hat er Weintrauben vom Stiel gelöst und sie lachend in die Saftpresse gegeben, dann kräftig gedrückt und schließlich beobachtet, wie der Saft auf der einen Seite und die Schale auf der anderen Seite der Maschinenbehälter gelandet sind. Und genau dieser Saft läuft jetzt in seinen Becher. „Dieser Saft erinnert uns an Gottes Freundschaft“, sagt Pfarrerin Katharina Pött und Abbe beginnt, langsam den süßen Saft zu trinken. Als der Becher leer ist, blickt er wieder in die Runde: Auch die Erwachsenen haben ihre Becher geleert und das Stück Brot gegessen. Die Reste stehen jetzt auf dem Holztisch in der Mitte. Dort, wo auch das Kreuz steht. Als sich Abbe, seine beiden Schwestern und seine Eltern wieder auf den Weg zu ihren Stühlen machen, lächelt der Junge zufrieden.

Elementares Ritual des Glaubens

„Es ist schön, dass wir hier gemeinsam mit unseren Kindern Abendmahl feiern können“, sagt auch Matthias Schumacher, Abbes Vater, nach dem Gottesdienst. Das Abendmahl sei so ein elementares Ritual seines eigenen Glaubens: „Es wäre total schade, wenn die Kinder nicht dabei sein dürften.“ Und deswegen nehmen Hannah und Matthias Schumacher ihre Kinder schon eine ganze Weile mit zur Abendmahlsfeier in der Familienkirche, die in Langerfeld einmal im Monat angeboten wird. „Schmecken und riechen: Das nehmen die Kinder doch genauso wahr wie wir“, sagt der Familienvater. Und er hat noch etwas beobachtet: Als er mit seinem Sohn im vergangenen Jahr ausnahmsweise auch den Erwachsenengottesdienst an Gründonnerstag besuchte, da reihte sich Abbe beim Abendmahl ganz selbstverständlich in die Runde der Erwachsenen ein. „Er war das einzige Kind, aber er wusste genau, was jetzt passiert“, sagt sein Vater. Dieses Gefühl des Zusammengehörens, der Gemeinschaft und der Teilhabe wünsche er sich für seine Kinder im Gottesdienst.

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Alle Getauften sind zum Abendmahl eingeladen

Da ist er in der evangelischen Kirchengemeinde Langerfeld genau am richtigen Ort. Denn Pfarrerin Katharina Pött gehört seit jeher zu den Verfechterinnen des Abendmahls mit Kindern. Seit 1981 gibt es in der Evangelischen Kirche im Rheinland die Möglichkeit für Kinder, am Abendmahl teilzunehmen – damals noch befristet. Fünf Jahre später wurde die Befristung aufgehoben. Presbyterien, die einen entsprechenden Beschluss fassten, konnten Kindern nun den Weg zum Abendmahl öffnen. Im Januar 2024 traf die Landessynode, das oberste Leitungsgremium der Evangelischen Kirche im Rheinland, dann eine endgültige Entscheidung, die nicht mehr von dem guten Willen der Presbyterien abhängt: Alle Getauften sind zum Abendmahl eingeladen. „Ich halte das für einen wichtigen Schritt, um an einer zentralen Stelle unserer Glaubenspraxis Klarheit zu schaffen und Kindern überall das Recht einzuräumen, das Sakrament des Abendmahls zu feiern“, hat die Wuppertaler Pfarrerin nach dem Entschluss der Landessynode in einer Stellungnahme geschrieben.

„Verstehen Erwachsene umfänglich, was im Abendmahl gefeiert wird?“

In ihrer Abendmahlsliturgie finden sich alt vertraute Einsetzungsworte aus der Bibel genauso wie kindgerechte Erklärungen: „Durch Gottes Liebe wird unsere Seele noch stärker“, sagt die Pfarrerin an diesem Sonntag in der Familienkirche, an dem das Thema „Krafttraining für die Seele“ im Programm steht. „Und er vergibt euch, wenn ihr Mist gebaut habt“, ergänzt sie dann. Das verstehen die Kinder und das können die Erwachsenen nachvollziehen. Und damit begegnet die Pfarrerin auch den Zweiflern, die befürchten, dass Kinder das Geschehen im Abendmahl noch gar nicht verstehen: „Verstehen wir als Erwachsene umfänglich, was im Abendmahl gefeiert wird?“, fragt sie dann gerne.

Verstehen, schmecken und sehen

Das Abendmahl sei mehr, es gehe weit über das hinaus, das Menschen sich nur mit kognitiven Fähigkeiten erschließen können. „Es geht nicht um das Verstehen der Freundlichkeit Gottes, sondern um das Schmecken und Sehen. Und das können Kinder sehr wohl und sie haben auch schon früh ein Verständnis für das, was uns die Bibel über die Liebe Jesu und die Gemeinschaft erzählt“, schreibt die Pfarrerin in einem Fachartikel. Im Abendmahl wirke Gottes Geist unter den Menschen. „Und warum sollten wir gerade Kindern dieses Empfinden absprechen?“, fragt sie an diesem Sonntag im Gespräch mit Eltern in Wuppertal.

Pött ist gegen einen Abendmahl-Führerschein

Genau deswegen spricht sie sich auch gegen den „Führerschein für das Abendmahl“ aus. Stattdessen erzählt sie in Familien- und Kindergottesdiensten, im Kindergarten und in der Schule die Geschichten vom letzten Abendmahl, von Vergebung, Hoffnung und Liebe. „So bekommen die Kinder einen Schatz an Assoziationen und Verbindungen zum Abendmahl“, sagt die Pfarrerin. „Und sie erleben, dass Jesus alle, ohne Vorbedingung, an seinen Tisch einlädt und mitten unter ihnen ist.“

„Ich durfte als Kind nicht am Abendmahl teilnehmen“

Am Sonntagvormittag in Langerfeld macht sich auch Luka auf den Rückweg von der Abendmahlsrunde zu seinem Stuhl: „Ich mag die Musik und dass alle zusammen sind“, sagt er leise und wischt sich mit dem Handrücken noch schnell den Mund ab. Seine Mutter, Verena von Landenberg, freut sich über die Erfahrung, die ihre Söhne in der kleinen Kirche in Langerfeld machen können. „Ich durfte als Kind nicht am Abendmahl teilnehmen“, erinnert sie sich. Und so habe die Feier der Erwachsenen in der Kirche immer etwas Geheimnisvolles, aber auch Gruseliges für sie gehabt. Für ihre Kinder wünscht sie sich, dass sie das Abendmahl von Anfang an als eine schöne Einladung empfinden. „Sie wissen: Jetzt denken wir zusammen an Jesus“, sagt die Wuppertalerin. Und manchmal entdeckt sie gerührt, wie ihre Söhne die vertrauten Worte mitsprechen: „Kelch des Heils“ und „Brot des Lebens“. Sie ist sicher: Mit jedem Stück Brot, jedem Schluck Traubensaft und jeder Runde vor dem Altar, in der die Kinder ihren Platz finden, verinnerlichen sie das Geschenk noch ein bisschen mehr, das ihnen das Abendmahl macht.

Sprudelnde Gefühle beim Abendmahl mit Kindern

„Für mich sind die Abendmahlsfeiern mit Kindern immer die schönsten und intensivsten Feiern“, sagt unterdessen Pfarrerin Pött. Unter Erwachsenen sei das Abendmahl häufig eine sehr ernste Sache, jeder schaue auf seine Fußspitzen. Aber beim Abendmahl mit Kindern sprudeln die Gefühle auch mal an die Oberfläche.